Intelligent Design: Die Geschichte einer politischen Lüge

(b) The Act impermissibly endorses religion by advancing the religious belief that a supernatural being created humankind. The legislative history demonstrates that the term “creation science,” as contemplated by the state legislature, embraces this religious teaching. The Act’s primary purpose was to change the public school science curriculum to provide persuasive advantage to a particular religious doctrine that rejects the factual basis of evolution in its entirety. Thus, the Act is designed either to promote the theory of creation science that embodies a particular religious tenet or to prohibit the teaching of a scientific theory disfavored by certain religious sects. In either case, the Act violates the First Amendment.

(Edwards v. Aguillard, 1987)

Mit diesen Worten entschied der Höchste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass der Unterricht von Schöpfungs”wissenschaft” an öffentlichen Schulen den ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung verletzte. Damit endete der bis dahin letzte Versuch christlich-fundamentalistischer Strömungen religiöses Dogma neben etablierten naturwissenschaftlichen Theorien im naturwissenschaftlichen Unterricht zu etablieren.

Gleichzeitig jedoch markiert es auch die Geburtsstunde des Intelligent Designs (ID) – der vielleicht größten politisch motivierten Lüge des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Eine Lüge entwickelt sich

Das Ende der Schöpfungs”wissenschaft” lag darin begründet, dass sie explizit Bezug auf die Bibel und den christlichen Gott nahm. Um ihr Ziel weiter verfolgen zu können, musste also nun eine Art Trojanisches Pferd her, welches zwar die gleichen Inhalte wie die nun tote Schöpfungs”wissenschaft” vermittelt, jedoch nicht zu offensichtlich religiös war. Zum Glück der Fundamentalisten erlaubte das Urteil aber explizit den Unterricht von alternativen wissenschaftlichen Theorien. Zu diesem Zweck wurde zuallererst einfach der Term “Gott” durch das Wort “intelligenter Schöpfer” und das Wort “Kreationismus” durch “intelligentes Design” ersetzt. Ein eindrucksvolles Zeugnis davon ist das kreationistische “Lehr”buch “Creation Biology”, welches sich über mehrere Schritte hin zum ID-”Lehr”buch “Of Pandas and People” hin entwickelte.

Abbildung 1:Anzahl der Nennungen der Wörter “creationism” (rote Linie) und “intelligent design” (blaue Linie) in den Ausgaben von Creation Biology und der Nachfolgepublikationen. Quelle: Talkorigins Zugriff: 28.6.2010

In Abbildung 1 kann man gut erkennen, wie 1987, also zum Zeitpunkt des Prozeßes “Edwards v. Aguillard”, zwischen den ersten und zweiten Entwurf fast alle Nennungen des Wortes “creationism (Kreationismus)” durch “intelligent design” ersetzt wurden. So wurde aus einem kreationistischen Buch, welches durch Beschluss des obersten Gerichtshofes der USA nicht im Unterricht hätte eingesetzt werden dürfen, ein Lehrbuch über ID, welches, oberflächlich betrachtet, lediglich eine andere wissenschaftliche Perspektive anbietet. Ein weiterer Beleg für diese “Evolution” des Buches ist, dass in dem zweiten Entwurf von “Pandas and People” einmal das seltsame Word “cdesign proponentsists” auftaucht.

Schattenspiele

Während man sich anfangs noch damit begnügte die gleichen Argumente wie die Schöpfungs”wissenschaften” zu benutzen, wurde es anscheinend schnell klar, dass, um der breiten Masse als seriöse Wissenschaft zu erscheinen, Intelligent Design eigene, wissenschaftlich klingende Konzepte braucht. Dafür wurden zwei Konzepte aufgestellt.

Das erste wurde von William Dembski aufgestellt und ist das Konzept von der spezifizierten Komplexität. Zusammengefasst besagt dieses Konzept, dass wenn etwas sowohl Informationen trägt als auch sehr komplex ist, dieses nicht durch Zufall entstanden sein kann. Es wird dann davon abgeleitet, dass ein intelligenter Akteur an der Entstehung dieser spezifizierten Komplexität beteiligt sein musste. Dieses Konzept verliert jedoch stark an Glaubwürdigkeit, wenn man erkennt, dass der Mathematiker Dembski zwar eine recht aufwendige Formel zur Bestimmung der spezifizierten Komplexität aufstellt, diese jedoch auch bekannt zufällige Muster als Produkt von Design erkennt. Des weiteren benutzt Dembski verschiedene Definitionen von Information und Komplexität, als wenn sie austauschbar wären. Hier fällt eine begriffliche Unschärfe auf. Zuletzt muss man sich vor Augen hallten, dass Evolution durch die natürliche Selektion kein gänzlich zufälliger,  sondern ein gerichteter Prozess ist.

Das zweite Konzept wurde von Michael Behe 1996 in seinem Buch “Darwin’s Black Box”eingeführt und wird als “nicht-reduzierbare Komplexität” bezeichnet. Dieses besagt, dass wenn für ein System keine Möglichkeit denkbar ist, dieses auf einen weniger komplexen Vorgänger zurück zu führen, dieses nicht durch evolutionäre Mechanismen entstanden sein kann. Dieses ist prinzipiell ein guter Einwand und es stimmt, dass, wenn man so ein System fände, es zumindest zeigen würde, dass es noch andere Mechanismen außer denen der Evolution geben müsse. Jedoch wurde so ein System noch in keinem Lebewesen gefunden. Des weiteren muss man sich immer vor Augen halten, dass dieses Konzept sich immer am Rande des Arguments-aus-Ignoranz bewegt, denn nur weil man keinen Vorgänger kennt, muss das nicht heißen, dass keiner existiert.

Intelligent Design ist tot, es lebe die Kontroverse!

Als im Oktober 2004 das Schulgremium des Schuldistriktes Dover im US-Bundesstaat Pennsylvania den Entschluss fasste, dass im Biologieunterricht eine Erklärung, die Intelligent Design unterstützt, vorgelesen werden müsse, klagten elf Eltern von Schülern dieses Schuldistriktes gegen dieses Statement, da es ihrer Meinung nach den ersten Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten verletzte. Da dieser Zusatzartikel es dem amerikanischen Staat verbietet Partei für eine religiöse Weltanschauung zu ergreifen, musste während dieses sogenannten “Kitzmiller v. Dover”-Prozesses also entschieden werden, ob Intelligent Design nun eine wissenschaftliche Richtung ist oder religiöses Dogma.

Während anfangs die überwiegend konservativen Kräfte, die Intelligent Design unterstützten mit einem Sieg für ihre Seite rechneten, da der prozessführende Richter ebenfalls ein bekannter Konservativer war, der von dem bekennenden wiedergeborenen Christen George W. Bush berufen wurde, wurde schließlich entschieden, dass Intelligent Design nichts anderes als die umetikettierten Schöpfungs”wissenschaften” und damit eine religiöse Aussage sind.

The proper application of both the endorsement and Lemon test to the facts of this case makes it abundantly clear that the Board’s ID Policy violates the Establishment Clause. In making this determination, we have addressed the seminal question of whether ID is science. We have concluded that it is not, and moreover that ID cannot uncouple itself from its creationist, and thus religious, antecedents. [...]

Kitzmiller v. Dover,2005

Entscheidend hierfür war meines Wissens unter anderem die nachgewiesene Entwicklung des kreationistischen Lehrbuches “Creation Biology” zum ID-Lehrbuch “Of Pandas and People” und das Eingeständnis des Biochemikers Behe, dass die von ihm genannten Beispiele für nicht-reduzierbare Komplexität mittlerweile widerlegt waren. Mit diesem Urteil des US-Verfassungsgerichtes kam im Jahre 2005 auch das Aus für Intelligent Design im schulischen Biologieunterricht, ähnlich wie schon 18 Jahre vorher für die Schöpfungswissenschaften.

Und auch ähnlich wie schon 18 Jahre vorher wurde nach einer neuen Taktik gesucht, um religiöse Dogmen im naturwissenschaftlichen Unterricht unter zu bringen. Die dabei entstandene, aktuelle Taktik nennt sich “teach the controversy” (lehrt die Kontroverse) und zielt vorgeblich darauf ab, den naturwissenschaftlichen Unterricht durch eine Betrachtung der Vor-und Nachteile der Evolutionstheorie und durch eine ausgewogenere Betrachtung alternativer Theorien zu verbessern. Jedoch sind diese  alternativen Theorien keine echten wissenschaftlichen Theorien, sondern wieder nur der alte Kreationismus.

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