Beobachtbare Evolution: Die Eidechsen von Pod Mrčaru

Manchmal können Experimente durch äußere Umstände einen unerwarteten Verlauf nehmen. Als z.B. Eviatar Nevo et al. im Jahr 1971 fünf Pärchen Ruineneidechsen (Podarcis sicula) von der kroatischen Insel Pod Kopište auf der Nachbarinsel Pod Mrčaru aussetzten, um deren Interaktion mit der dort lebenden Population der adriatischen Mauereidechse (Podarcis melisellensis) zu beobachten, ahnten sie wahrscheinlich nicht, dass ihr Experiment wegen des kroatischen Unabhängigkeitskrieges länger dauern würde als erwartet.

Die Ruineneidechse (Podarcis sicula).

Abbildung 1: Bild einer Ruineneidechse (Podarcis sicula). Hans Hillewaert / CC-BY-SA-3.0

Pod Kopište und Pod Mrčaru ähneln sich sowohl in Größe, wie im Klima, jedoch ist Pod Mrčaru reicher an Vegetation.  Als 2004 wieder Wissenschaftler Pod Mrčaru betreten durften, mussten sie feststellen, dass die Ruineneidechsen die Mauereidechsen vollständig verdrängt hatten.

Und mehr noch, sie stellten fest, dass in den etwa 30 Generationen, in denen die Ruineneidechsen auf Pod Mrčaru bevölkert hatten, diese den pflanzlichen Anteil in ihrer Ernährung, im Vergleich zur Ausgangspopulation auf Pod Kopište, deutlich vergrößert hatten (Abbildung 2.A).

Bild 2: A) Anteil pflanzlicher Nahrung an der Ernährung männlicher (m) und weiblicher(w) Individuen der Pod Kopište (PK) und der Pod Mrčaru (PM) Populationen in %. B) Bisskraft dieser in N

Diese veränderte Ernährung hatte auch Auswirkungen auf den Körperbau der Eidechsen. Pflanzliches Material ist in der Regel schwerer zu kauen als tierisches. Dementsprechend haben Individuen mit einer höheren Bisskraft bei einer stärker vegetarischen Ernährungsweise einen Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil. Bei den Ruineneidechsen von Pod Mrčaru führte das innerhalb von etwas mehr als 30 Jahren zu einer deutlichen Steigerung der durchschnittlichen Bisskraft (Abbildung 2.B) und damit verbunden zu einem massiveren Schädel.

Des weiteren besteht etwa die Hälfte des gefressenen Pflanzenmaterial aus Material mit einem hohen Celluloseanteil, wie z.B. Pflanzenblätter und -stängel. Cellulose ist nur langsam und mit der Hilfe spezieller Mikroorganismen zu verdauen. Bei der Pod Mrčaru Population der Ruineneidechsen konnten nun Einstülpungen des Darms, sogenannte Zäkalklappen (Abbildung hier), gefunden werden. Diese Verlangsamen den Fluss des Nahrungsbreis durch den Darm und formen Fermentationskammern, in denen Mikroorganismen die Cellulose in der Nahrung zersetzen können. Die Ausgangspopulation auf Pod Kopište besitzt weder Zäkalklappen, noch die nötigen Mikroorganismen um Cellulose zu verdauen. Dieses, zusammen damit, dass weniger als 1 % aller Schuppenkriechtiere (Squamata), die Ordnung, zu der Eidechsen gehören, Zäkalklappen aufweist, deutet stark darauf hin, dass diese Darmstrukturen eine echte Neuentwicklung bei der Pod Mrčaru Population sind.

Zusammenfassung

  • Fünf Paare Ruineneidechsen wurden von einer adriatischen Insel auf eine andere umgesiedelt.
  • Als Reaktion auf die veränderten Lebensbedingungen, insbesondere eine veränderte Diät, entwickelten die Ruineneindechsen einen größeren, stärkeren Schädel und eine neue Darmstruktur.

8 Kommentare

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8 Antworten zu “Beobachtbare Evolution: Die Eidechsen von Pod Mrčaru

  1. Igor

    Die haben die Arten von einer Insel zur Anderen geschleppt?? Aaaaargh! Wo ist der Kopf-an-Wand-baller-Smiley?

    • Ja, aus ökologischer Sicht war das nicht sehr klug, wie man an dem Austerben der Mauereidechsenpopulation sehen konnte. Allerdings haben die sich meiner Ansicht nach im real-existierenden-Sozialismus eh keine großen Gedanken um die Umwelt gemacht.
      Nichts destotrotz sind die Folgen recht interessant.

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  3. Creation888

    Sorry, aber was hat das mit Evolution zu tun?
    Daß Ernährung, und damit auch das Nahrungsangebot, Auswirkungen auf den Körperbau eines Lebewesens hat, das beobachten wir schon immer beim Menschen, man vergleiche nur die Statur eines Bücherwurmes mit der eines Bodybuilders.
    Ich würde also sagen: Die Ruineneidechsen waren in ihrer früheren Umgebung in ihrer individuellen Entwicklung stark eingeschränkt, weil das Nahrungsangebot zu schlecht für eine bessere Ausprägung ihrer Veranlagung war. Das ist alles. Eine Evolution hat hier nicht stattgefunden!

    • Evolution ist die Veränderung der Merkmale einer Population über die Zeit und das ist ja genau hier passiert. Eine Veränderung der Darmstruktur alleine mit einer „bessere[n] Ausprägung ihrer Veranlagung“ durch ein besseres Nahrungsangebot zu erklären ist deutlich zu vereinfachend gedacht. Zumal Ruineneidechsen, welche im Mittelmeerraum weit verbreitet sind, ansonsten diese Anpassungen nicht eigen. Diese ist nur auf Pod Mrčaru zu finden.

      Deine Analogie zum Bodybuilder und Bücherwurm ist auch schief. Sobald der Bodybuilder nicht mehr trainiert, werden seine Muskeln weniger und der Bücherwurm kann durch Training Muskeln aufbauen. Die Veränderungen bei den Ruineneidechsen auf Pod Mrčaru wird sich im einzelnen Individuen aber nicht rückgängig machen – selbst wenn dieses Individuum wieder eine weniger pflanzliche Kost nehmen würde.
      Eine bessere Analogie wären hier menschliche Vegetarier und Menschen, die gerne Fleisch essen, gewesen. Bei Vegetariern können wir aber keine Veränderung hin zu einem Pflanzenfresserdarm beobachten. Eine Reaktion des Körpers auf das Nahrungsangebot liegt also nicht vor.

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