Monatsarchiv: August 2012

Glaubt Richard Dawkins an Intelligent Design?

In Diskussionen mit Kreationisten habe ich von Zeit zu Zeit hören, bzw. lesen, können, dass der „Guru aller Atheisten und Schöpfungsleugner“ Richard Dawkins in einem Interview zugegeben hätte Intelligent Design für möglich zu halten, oder sogar zu glauben. Dazu wird dann dieses Video gepostet.
Die Botschaft dabei soll dann natürlich sein, dass Dawkins zwar nicht leugnen kann, dass ID stimmt, sich aber nicht traut Gott als den Designer zu akzeptieren und deshalb kleine grüne Männchen als Designer postuliert.

Selbst, wenn das so stimmen würde, wäre das natürlich kein Argument gegen die Evolution und die Evolutionstheorie. Wissenschaft basiert ja nicht auf der persönlichen Ansicht einiger, weniger Autoritäten, sondern auf aussagekräftigen Daten aus reproduzierbaren Experimenten.

Was aber viel interessanter ist, ist, dass diese Szene aus dem sehr tendenziösen Film „Expelled: No intelligence allowed“ nur ein Teil eines deutlich längeren Interviews mit Dawkins ist, welches die Macher des Films unter fragwürdigen Bedingungen mit ihm geführt hatten.
Dawkins selber schreibt hier dazu:

Toward the end of his interview with me, Stein asked whether I could think of any circumstances whatsoever under which intelligent design might have occurred. It’s the kind of challenge I relish, and I set myself the task of imagining the most plausible scenario I could. I wanted to give ID its best shot, however poor that best shot might be.

Dawkins wurde also gegen Ende des Interviews gefragt, unter welchen Umständen Intelligent Design stattgefunden haben könnte. Da er diese Art von intellektueller Herausforderung mag, hat er sich dann das für ihn plausibelste Szenario ausgedacht und erklärt. Das heißt aber natürlich nicht, dass er dieses Szenario einer gerichteten Panspermie für wahrscheinlicher, als die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten ohne einen Schöpfer hält. In der Tat unterstreicht er sogar die Unwahrscheinlichkeit dieses Szenarios.

In dem Interview selber ist noch zu hören, dass man dann auch eine Art Fingerabdruck oder Unterschrift dieses Designers finden können sollte (bei etwa 1:20). Das dieses nicht der Fall ist, spricht schon für sich. Die Macher des Filmes drehen das jedoch so, als ob Dawkins ID für eine seriöse Hypothese halten würde. Dieses geschieht durch die sehr suggestive Frage direkt im Anschluss an Dawkins Szenario:

Wait a second, Richard Dawkins thought Intelligent Design might be a legitimate pursuit?

Außerdem stellt Dawkins klar, dass dieser außerirdische Schöpfer dann jedoch selber über einen evolutiven Mechanismus entstanden sein müsse. Also, dass das Problem nur verlagert würde und letztendlich eine Form von biologischer Evolution den Stein ins Rollen gebracht haben haben müsse (den Kalauer konnte ich mir leider nicht verkneifen).

Es ist also höchst bezeichnend, dass von einem längeren Interview nur noch diese kleine Szene übrig blieb, die dann noch mittels suggestiver Fragen aus dem Off in ihrer Aussage verfremdet wurden. Dieses scheint die filmische Variante des Quote-mining zu sein.

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Von Ameisen und Kreationisten

Wie Kreationisten Fachartikel für ihre Zwecke umdeuten

Vor kurzem habe ich auf einer Kreationistenseite, an der laut eigenen Angaben anscheinend die Studiengemeinschaft Wort und Wissen beteiligt ist, eine „Nachrichtenmeldung“ gelesen. Dort wird vollmundig behauptet, dass ein damals, also im Februar diesen Jahres, neuer Artikel im Fachjournal Science, das kreationistische Grundtypenmodell stützen würde.


Was ist das kreationistische Grundtypenmodell?


Das kreationistische Grundtypenmodell ist ein Modell, welches den Baum des Lebens des Common Origins, durch eine Art Strauchsavanne zu ersetzen versucht (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Baum des Lebens und die Strauchsavanne. Schematische Darstellung des Common Origins und des Grundtypenmodells A) Der Common Origin führt alles irdische Leben auf den gleichen Ursprung zurück. B) Im Grundtypenmodell werden zwar leichte Variationen des Bauplans erlaubt, jedoch wird diese Flexibilität, auf scheinbar willkürliche Weise, auf nicht näher definierte Grenzen eingeschränkt.



Grund dafür ist der Versuch, eine wortwörtliche Auslegung der Bibel, genauer gesagt von 1 Mose 1,20f, und die beobachtbare Evolution zu vereinen. Dabei werden alle Lebewesen in verschiedene Grundtypen eingeteilt.So gibt es z.B. einen Hundegrundtyp, zu dem unter anderem Wölfe, Schakale und Füchse gehören, und einen Katzengrundtyp, zu dem alle Katzen gehören.
Prinzipiell wird ein Grundtyp als Komplex von Arten definiert, die sich direkt oder über Schritte, untereinander Kreuzen lassen. Praktisch scheint jedoch wenig Einigkeit darüber zu herrschen, welche Spezies nun einen Grundtypen (oder ein Baramin) bilden. Dies liegt sicherlich zum einem daran, dass es in der Praxis recht schwer ist, solche Kreuzungsgemeinschaften bei Lebewesen, die über den Globus verstreut sind, nachzuvollziehen. Zum anderen immunisiert ein solches loses Konzept das Modell auch gegen Kritik.

Während nun eine Evolution innerhalb dieser locker definierten Baramin als Mikroevolution erlaubt wird, wird verneint, dass sich diese Grundtypen selber auf gemeinsame Vorfahren zurückführen lassen. Also Beispielsweise, dass sich sowohl die Hunde, als auch die Katzen aus einen gemeinsamen Vorfahren unter den frühen Raubtieren heraus entwickelt haben.
Stattdessen wird behauptet, dass Gott, bzw. ein Intelligenter Designer, die Grundtypen direkt geschaffen hat und diese sich dann, oft behauptet im Folge einer globalen Flut, in die einzelnen Spezies des Grundtyps aufgespalten haben.

Dieses wird entweder durch den Verlust genetischer Information erklärt, welche die anfängliche Population aufspaltet, oder durch das „versteckte“ Vorhandensein genetischer Information, die bei Bedarf aktiviert werden können. Durch letzteres werden die Grundtypen dann als polyvalente Grundtypen bezeichnet. In dem gelinkten Nachrichtenartikel auf genesis.net, als dessen Autor Reinhard Junker genannt wird, wird nun genau dieses Konzept der polyvalenten Grundtypen angesprochen.

Was genau behauptet wird

Es geht darum, dass in den meisten Arten der, mit etwa 1.100 bekannten Spezies sehr artenreichen, Ameisengattung Pheidole zwei Arbeiterkasten ausgebildet werden. Also Arbeiter, die für die meisten Arbeiten innerhalb des Staates verantwortlich sind und Soldaten, die diesen Verteidigen und Nahrung verarbeiten. Jedoch wird in einigen wenigen Arten eine dritte Kaste von Supersoldaten ausgebildet. Diese Supersoldaten sind deutlich größer als die andere Soldatenkaste und haben die Aufgabe bei einem Angriff des Ameisennestes durch Wanderameisen die Nesteingänge zu blockieren und so das Nest zu schützen (Foto von Arbeitern, Soldaten und Supersoldaten von P. obtusospinosa). Diese acht Arten sind alle im Südwesten Nordamerikas beheimatet. Unter ihnen sind sowohl für Pheidole basale Arten, wie P. rhea, also welche, deren Linie sich schon früh von der Linie, die zu den anderen Arten führt getrennt hat, als auch abgeleitete Arten, wie P. obtusospinosa.

Rajakumar et al stießen nun auf Long Island, NY auf eine Kolonie der im Osten der U.S.A. vorkommenden Spezies P. morrisi, die ebenfalls einige Soldaten beherbergte, die im Phänotyp den Supersoldaten der acht bekannten Arten ähneln, die Supersoldaten ausbilden. Des weiteren wurde gezeigt, dass dieser Supersoldatenphänotyp durch die zusätzliche Expression eines Hormon ausgelöst wird, welches auch eine Rolle in der Entwicklung der kleineren Soldatenkaste spielt und das die Gabe eines Analogons den Supersoldatenphänotyp in P. morrisi induzieren kann. Auch kann das Hormonanalogon diesen Phänotyp noch in einigen anderen Spezies, wie P. spadonia und P. hyatti, die ebenfalls diesen Phänotyp in der Regel nicht ausbilden, induziert werden (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Supersoldatenphänotyp kann sowohl natürlich vorkommen, als auch künstlich induziert werden. Dabei war dieser Phänotyp schon in der Ursprungspopulation vorhanden. In abgeleiteten Arten ging dann die Expression dessen zunächst verloren und wurde in einigen Spezies wieder neu erlangt (Rajakumar et al 2012).

Daraus folgerten Rajakumar et al, dass die Ausbildung der Supersoldatenkasten ein ursprüngliches Merkmal der Gattung Pheidole ist. Da die Ausbildung so großer Individuen jedoch sehr energieaufwendig ist, wurde bei den abgeleiteten Arten die Expression des, jedoch nicht die benötigten genetische Information für, diesen Phänotyp verloren, als keine Notwendigkeit für diese Kaste bestand. Später erwarben dann einige abgeleiteten Arten, als sie wieder in Kontakt mit Wanderameisen kamen, die Expression des Phänotyps wieder.

Junker behauptet nun in seinem Nachrichtenartikel auf genesis.net, dass dieses ein Beleg für das Konzept der polyvalenten Grundtypen wäre.

Wieso der Artikel für mich nicht das Konzept der polyvalenten Grundtypen stützt

Zunächst einmal sollte nach meiner vorherigen Zusammenfassung des Artikels klar sein, dass die Beobachtungen von Rajakumar et al sich auch wunderbar herkömmlich über die Evolutionstheorie und den Common Origin erklären lassen. Es ist halt ein Merkmal (im weitesten Sinne), dass irgendwann erworben wurde und dessen Expression, je nach selektiven Druck verloren und dann wiedererlangt wurde.

Interessant ist es auch, sich anzusehen, wie dieser Wiedererwerb stattfand. Bei P. obtusospinosa wurde dazu erneut eine zweite Expressionsphase des verantwortlichen Hormons entwickelt. Von einem einfachen An- und Ausschalten wie Junker es andeutet, kann man hier meine Meinung nach kaum reden. Interessant wäre nun heraus zu finden, welche Mutationen nun genau für den Verlust und den Wiedererwerb dieser zweiten Expressionsphase verantwortlich waren.

Ein großes Problem für die Bedeutung des Science-Artikels für das Grundtypenmodell sehe ich darin, dass sowohl Wanderameisen als auch die Gattung Pheidole in den Tropen und Subtropen weltweit weit verbreitet sind. Bei den etwa 1.100 Arten von Pheidole sollten wir, wenn der Supersoldaten Phänotyp wirklich „Bedarf aktiviert und abgerufen werden [kann]“, um die Kolonie gegen Wanderameisen zu verteidigen, wie Junker andeutet, deutlich mehr Pheidole Spezies kennen, die diesen Phänotyp zeigen, als die acht, die wir tatsächlich kennen.
Junker ignoriert dieses Problem, Rajakumar et al jedoch nicht. Diese erklären das damit, dass in den abgeleiteten Arten oft der selektive Druck hin zur Expression des Phänotyps gefehlt hätte, da diese andere Verteidigungsmaßnahmen, wie ein Nestevakuierungsverhalten, gegen Wanderameisen entwickelt hätten. Die Neuexpression eines alten, energieaufwendigen Merkmals war also nicht mehr vorteilhaft für diese Arten, da sie das Problem über neugewonnene Merkmale lösten.
Dieses scheint mir nicht für das Grundtypenmodell zu sprechen.

Viel wichtiger finde ich noch, dass in einer Vielzahl von Fachartikel, sowohl über molekularbiologische Methoden, als auch morphologischen Untersuchungen, gezeigt werden konnte, dass die Hexapoda, zu denen die Insekten als Unterklade gehören, ein Monophylum bilden (mehr dazu hoffentlich in einem späteren Artikel).
Dieses ist mit dem Grundtypenmodell, egal ob polyvalent oder nicht, nur sehr schwer, bis gar nicht, vereinbar. Jedoch stützt das wunderbar das Modell des Common Origin.

Fazit

Man muss der Nachrichtenmeldung Junkers anrechnen, dass dort keine offenen Unwahrheiten behauptet werden, wie man sie sonst oft in kreationistischen Veröffentlichungen findet. Jedoch muss man kritisieren, dass dort unbequeme Informationen und Probleme ausgelassen werden und Junker doch recht subtil leitet.
Es ist zwar richtig, dass man den Science-Artikel, wenn man ihn streng für sich alleine nimmt, mit den polyvalenten Grundtypenmodell vereinbaren kann. Ausgelassen wird aber, dass man die Erkenntnisse von Rajakumar et al in dem Kontext anderer Arbeiten zur Kladistik der Insekten sehen muss. Diese zeichnen aber ein eindeutiges Bild, welches sich nicht mit dem kreationistischen Grundtypenmodell vereinbaren lässt. Junker verschweigt das leider.
Auch wird in der Meldung Junkers nirgendwo explizit erwähnt, dass sich der Science-Artikel nicht mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt, mir als Leser kam es jedoch andauernd so vor, als wollte man dieses implizieren.
Diese subtilere Art der Manipulation halte ich für deutlich problematischer, als offene Lügen, wie man sie oft in amerikanischen Publikationen, oder bei Harun Yahya liest.

Quelle:

Rajakumar, R., San Mauro, D., Dijkstra, M.B., Huang, M.H., Wheeler, D.E., Hiou-Tim, F., Khila, A., Cournoyea, M. & Abouheif, E. (2012). Ancestral Developmental Potential Facilitates Parallel Evolution in Ants, Science, 335 (6064) 82. DOI: 10.1126/science.1211451

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Der Baum des Lebens: Sie befinden sich hier

Das ist jetzt in gewisser Weise ein kleiner Teaser für meinen nächsten Artikel und viele werden die Grafik wharscheinlich schon kennen. Für die, die diese aber noch nicht kennen hoffe ich, dass sie genau so beeindruckt davon sind, wie ich es war, als ich die Grafik zum ersten mal sah.

Gezeigt wird ein Phylogram allem Lebens welches anhand von RNA-Analysen von etwa 3.000 verschiedenen Spezies erstellt wurde. In der oberen linken Ecke zeigt der Hinweis „you are here“, wo wir Menschen zu finden sind sind.

Erstellt wurde dieser „Baum des Lebens“ im Labor von David Hillis an der Uni Texas und kann dort zum eigenen Gebrauch, sowie zur Lehre, in höherer Auflösung herunter geladen werden.

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Cartoon: Ich glaube nicht an Revolutionen

Hier sind die ersten Panels eines recht lustigen Cartoons von SMBC. Um ihn vollständig zu lesen, einfach das Bild klicken.


Via Troy Britain

P.S.
Wobei die Pointe selber dann doch etwas mau ist.

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Devil Facial Tumor Disease – eine ansteckende Krebserkrankung

Die beiden größten fleischfressenden Beuteltiere in historischer Zeit

Wenn ich den Begriff Tasmanien höre oder lese, so muss ich als erstes an zwei besondere Tierarten denken. Zum einem ist das der Beutelwolf, oder Tasmanische Tiger (Thylacinus cynocephalus) und zum anderem der Beutelteufel, bzw. Tasmanischen Teufel (Sarcophilus harrisii).

Abbildung 1: Zwei bekannte Vertreter der Fauna Tasmaniens. Links: Benjamin, das wahrscheinlich letzte Exemplar des nun ausgestorbenen Beutelwolfs (Thylacinus cynocephalus, 1933 gemeinfrei); rechts: Der Beutelteufel (Sarcophilus harrisii, Chen Wu unter CC BY 2.0 )

Beide Arten teilen sich das Schicksal, in der Folge der Ankunft des Menschen und der Einführung des Dingos auf dem australischen Festland ausgestorben zu sein, während sich auf Tasmanien noch Populationen erhalten konnten. Leider wurde der Beutelwolf wahrscheinlich in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, durch intensive Bejagung, auch auf Tasmanien ausgerottet und gilt nun als ausgestorben – ein Schicksal, welchem der Beutelteufel bislang entging. Jedoch sieht auch für den Beutelteufel die Zukunft alles andere als rosig aus.

Eine neue Bedrohung für den Beutelteufel

Im Jahr 1996 wurden im Nordosten Tasmaniens erstmals Beutelteufel fotografiert, welche an großen Tumoren in ihren Gesichtern erkrankt waren (Abbildung 2).

Abbildung 2: Ein am Devil Facial Tumor Disease (DFTD) erkrankter Beutelteufel (Menna Jones unter CC BY 2.5)

In den darauf folgenden Jahren tauchten weitere Berichte über so erkrankte Beutelteufel auf. Bis zum Jahr 2005 hatte sich die Devil Facial Tumor Disease (DFTD) getaufte Krankheit dann über die Hälfte des Ausbreitungsgebiets des Beutelteufels ausgedehnt und hat mittlerweile 85 % der Population erfasst. Wenn sich die Krankheit weiterhin in diesem Maße ausbreitet, so nimmt man an, dass der Beutelteufel innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahren ausgestorben ist (Deakin & Belov 2011, McCallum & Jones 2005).

Übertragen wird DFTD durch Bisse, die sich die Tiere beim Geschlechtsverkehr oder Fressen gegenseitig beibringen. Nach einer Inkubationszeit unbekannter Länge bilden sich dann zunächst die namensgebenden Gesichtstumore, die in etwa 2/3 der Fälle in andere Gewebe metastasieren. Innerhalb von drei bis sechs Monaten nach dem ersten Auftreten der Tumore sterben die Tiere in der Regel dann (Lane et al 2012, Deakin & Belov 2011).

Ursprung des DFTD

Während die meisten ansteckenden Krebserkrankungen, wie z.B. der durch Humane Papillomviren hervorgerufenen Gebärmutterhalskrebs, durch Virusinfektionen ausgelöst werden, liegt beim DFTD die Sache anders.
So zeigen alle bisher untersuchten Tumoren die gleichen chromosomalen Veränderungen. Von den sechs Autosomenpaaren (also den Chromosomen, die keine Geschlechtschromosomen sind) bei gesunden Beutelteufeln, fehlte den DFTD-Zellen z.B. allen das Chromosomenpaar 1 und ein Chromosom des Chromosomenpaars 5, sowie die Geschlechtschromosomen. Jedoch weisen sie dafür vier neue Chromosomen auf, welche typisch für DFTD-Zellen sind. Diese werden als Markerchromosomen M1 bis M4 bezeichnet. Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass diese drastischen Veränderungen durch die Infektion mit einem Virus bei allen untersuchten Beutelteufeln identisch hervorgerufen wurden, folgerte man, dass die Tumorzellen selber von Tier zu Tier übertragen werden. Damit sind die DFTD-Zellen Allotransplantate, also Gewebe eines Individuums, welches einem anderen Individuum der gleichen Art eingepflanzt wird. Es unterscheidet sich daher prinzipiell nicht von etwa einem Spenderherzen. Diese Hypothese wurde durch spätere molekularbiologische Untersuchungen noch weiter gestützt.
Versuche die ursprünglichen Chromosomen zu rekonstruieren ergaben, dass das Tier, bei welchem der Tumor ursprünglich entstanden war, zwei X-Chromosomen als Geschlechtschromosomen besaß. Dieses zeigt, genau wie bei uns Menschen an, dass dieses Tier weiblich war. Wir können also den Ursprung des DFTD auf einen weiblichen Beutelteufel, der wahrscheinlich etwas vor 1996 im nordöstlichem Tasmanien lebte, zurück vollziehen. Durch die Untersuchung der Genexpressionsmuster der DFTD-Zellen konnte man sogar die Zelllinie, aus der sich das DFTD entwickelt hatte, bestimmen. Dieses waren die Schwann-Zellen des Nervensystems (Deakin & Belov 2011).

Des weiteren deuten diese Veränderungen der Chromosomen an, dass das DFTD nicht, wie bei Tumoren meistens, durch eine langsame Anhäufung verschiedener Mutationen entstanden ist. Stattdessen schien in einem einzelnen, umwälzenden Ereignis Chromosom 1 in mehrere Teile zerbrochen und anschließend falsch wieder zusammen gesetzt wurden zu sein (Deakin & Belov 2011).

Wieso ist DFTD ansteckend?

Eines der großen Probleme bei Allotransplantaten ist, Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. So muss bei Spenderorganen nicht nur die Kompatibilität von Spender und Empfänger abgeklärt, auch muss das Immunsystem mittels geeigneter Medikamente (Immunsuppressiva) kontrolliert werden.
Hier stellt sich die Frage, wieso das bei dem DFTD, welches, wie weiter oben erwähnt, nichts anderes als ein solches Transplantat ist, nicht nötig ist? Oder anders ausgedrückt, wieso die DFTD-Zellen dem Immunsystem der Beutelteufel entkommen können?

Die Antwort hierauf ist noch unbekannt.
Höchst wahrscheinlich spielt hier hinein, dass Beutelteufel zu den bekannten Tierarten mit der geringsten genetischen Vielfalt gehören. Insbesondere wurde hier eine geringe Vielfalt der Proteine des Haupthistokompatibilitätkomplexes (Major histocompatibility complex, MHC), welche für das Immunsystem von herausragender Bedeutung sind,vermutet. Dieses scheint jedoch mittlerweile zweifelhaft.
Hauttransplantationen zwischen verschiedenen Beutelteufeln haben außerdem gezeigt, dass trotz der geringen Vielfalt im MHC Abstoßungsreaktionen auftreten. Die DFTD-Zellen scheinen also einen noch unbekannten Mechanismus zu besitzen, durch dem sie dem Immunsystem der Beutelteufel entkommen können (Lane et al 2012, Deakin & Belov 2011, Miller et al 2011).

Wie kann man die Beutelteufel retten?

Wie eingangs schon erwähnt wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Beutelteufel, wenn die Krankheit sich wie bisher weiter ausbreitet, innerhalb von 20 bis 30 Jahren ausgestorben sind.

Um dieses zu verhindern wurde ursprünglich das Keulen der erkrankten Populationen als sinnvollste Maßnahme angesehen. Leider zeigte sich aber, dass dieses wenig Auswirkung auf die Ausbreitung des DFTD hatte und sogar zu der Entwicklung von schneller wachsender und stärker ansteckender Linien des DFTD führen kann (Deakin & Belov 2011).
Auch wurde bisher kein Impfstoff gegen die Krankheit gefunden, Dabei wird die Suche nach einem solchen gerade durch die geringe genetische Vielfalt der Beutelteufel und den Umstand, dass DFTD-Zellen ihren Ursprung in den Beutelteufeln selber haben, erschwert. Dadurch steigt das Risiko, dass das Immunsystem der Beutelteufel nicht nur gegen die DFTD-Zellen agiert, sondern auch gegen Zellen der erkrankten Tiere selber (Deakin & Belov 2011).

Die momentan erfolgversprechendste Strategie scheint die Zucht nicht erkrankter Tiere unter Quarantäne zu sein. Dieses wird z.B. durch Zuchten auf dem australischen Festland erreicht.

Quellen

Deakin, J.E. & Belov, K. (2011). A Comparative Genomics Approach to Understanding Transmissible Cancer in Tasmanian Devils, Annual Review of Genomics and Human Genetics, 13 (1) DOI: 10.1146/annurev-genom-090711-163852

Lane A, Cheng Y, Wright B, Hamede R, Levan L, Jones M, Ujvari B, Belov K.: New insights into the role of MHC diversity in devil facial tumour disease. PLoS One. 2012;7(6):e36955. Epub 2012 Jun 6.

McCallum, H. & Jones, M. (2006). To Lose Both Would Look Like Carelessness: Tasmanian Devil Facial Tumour Disease, PLoS Biology, 4 (10) DOI: 10.1371/journal.pbio.0040342

Miller, W., Hayes, V.M., Ratan, A., Petersen, D.C., Wittekindt, N.E., Miller, J., Walenz, B., Knight, J., Qi, J., Zhao, F. & (2011). From the Cover: Genetic diversity and population structure of the endangered marsupial Sarcophilus harrisii (Tasmanian devil), Proceedings of the National Academy of Sciences, 108 (30) 12353. DOI: 10.1073/pnas.1102838108

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TED-Talk: Moralisches Verhalten bei Tieren

Hier ist ein kurzer, sehr sehenswerter Vortrag von Frans de Waal über moralisches Verhalten in anderen Tierarten:

Unsere Moral scheint also auf durch Evolution erworbenen Grundlagen zu stehen.

Via Jerry Coyne

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