Kreationisten mit den eigenen Waffen schlagen: Baraminologische Methoden bestätigen Vögel als Unterklade der Dinosaurier

Wenn man sich kritisch mit den „Schöpfungswissenschaften“ beschäftigt, so ist es sicherlich eine gute Idee, dessen Ideen auch mithilfe ihrer eigenen Methoden zu untersuchen und so auf ihre innere Konsistenz zu überprüfen. Eine solche Idee, die es wert ist so getestet zu werden, ist das Grundtypenmodell. Wie man an Abbildung 1 des gelinkten Artikels schon erahnen kann, sind nach diesem Modell Vögel und Dinosaurier zwei verschiedene Grundtypen, oder Baramin (in der Tat unterteilen Kreationisten die Dinosaurier selber sogar in bis zu 50 verschiedene Grundtypen). In der konventionellen Biologie sind Vögel jedoch eine Unterklade der Theropoden und damit der Dinosaurier. Die Baramin werden prinzipiell als ein Artenkomplex definiert, dessen Arten sich direkt oder indirekt miteinander Kreuzen lassen.

Es ist leicht zu erkennen, dass diese Definition bei ausgestorbenen Arten (aber nicht nur dort) nicht anzuwenden ist. Hier behelfen sich Baraminologen (also die, die versuchen diese Baramin zu identifizieren) damit morphologische Lücken zu finden. Konkret heißt das, dass ein Set von morphologischen Merkmalen genommen und geschaut wird, ob und wie stark sich verschiedene Arten über diese Merkmale ähneln. Findet man eine genügend große Ähnlichkeit für zwei oder mehrere Arten, so sind diese Arten Mitglieder des gleichen Grundtyps. Dieses wird mit Hilfe von extra dafür geschriebenen Programmen automatisiert.

Phil Senter von der Fayetteville State University hatte nun die Idee mittels eines solchen Programms die Klade Coelurosauria zu untersuchen. Zu dieser Klade werden in der Biologie die Vögel als Unterklade Aves gezählt. Weitere interessante Unterkladen der Coelurosauria sind die sehr vogelähnlichen Deinonychosauria als Schwestergruppe der Vögel, die basalen Tyrannosauridae, zu denen der bekannte Tyrannosaurus rex gehört und die für mich sehr beindruckenden Oviraptorosauria (Abbildung 1).

Abbildung 1: El Pollo diablo. Gigantoraptor erlianensis ist ein Mitglied der Oviraptorosauria (Lebendrekonstruktion von Nobu Tamuraunter CC BY-SA 3.0).

Dafür wählte er für fünf verschiedene Zeitpunkte: 1920, 1980, 1990, 2000 und 2009. Für diese Zeitpunkte nahm er alle Coelurosauria Spezies, für die zu der Zeit mindestens ein fast vollständig erhaltenes Fossil in der Literatur beschrieben war und verglich diese mittels eines der oben erwähnten Programme und anhand von 364 morphologischen Merkmalen untereinander. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass etwa die Hälfte der bekannten Coelurosauriaspezies nach dem Jahr 1990 entdeckt wurden. Darunter die sehr vögelähnlichen Dromaeosauriden (Abbildung 2), eine Untergruppe der erwähnten Deinonychosaurier.

Abbildung 2: Lebendrekonstruktion des 2003 entdeckten Microraptor zhaoianus, eines Dromaeosauridae (Matt Martyniuk unter CC BY 3.0),

Wenig überraschend fand Senter dann in seinem 2010 veröffentlichten Artikel, dass zwischen den 1920 bekannten Coelurosauriern große morphologische Lücken klafften. Diese wurden in der Folgezeit durch neu gefundene Fossilien ergänzt, so dass im Jahr 1990 schon einige Kladen, wie die Oviraptorosaurier und Dromaeosauriden zu erkennen sind. Archaeopteryx ähnelt jedoch noch keinen anderen bekannten Coelurosauriern sonderlich. Das ändert sich aber, wenn man die bis zum Jahr 2000 entdeckten Arten dazu nimmt. Neu entdeckte Dromaeosauriden, wie Microraptor zhaoianus, schließen nun die Lücke zu Archaeopteryx und den (anderen) frühen Vögeln. Außerdem verkleinert sich die Lücke zwischen diesen Vögeln und vögelähnlichen Dinosauriern und der Gruppe, zu der auch Tyrannosaurus rex gehört so sehr, dass auch nach baraminologischen Gesichtspunkten all diese Spezies als eine Gruppe anerkannt werden müssen. Nur die Oviraptoren und zwei andere Gruppen waren noch durch größere morphologische Lücken von dem Hauptteil der Coelurosaurier getrennt.

In einem Folgeartikel aus dem Jahr 2011 erhöht Senter die Merkmale, die er für die Analyse nutzt auf 392. Außerdem nahm er neue Spezies in die Untersuchung auf. Dadurch wurde die Lücke zwischen den Oviraptoren und den Vögeln mit ihren Verwandten geschlossen. Es gab nun also zwei Gruppen, die, die Vögel, Oviraptoren, Dromaeosauride etc. beinhaltete und die, zu der Tyrannosaurus rex gehörte. Der Abstand zwischen diesen Gruppen war aber so gering, dass sie auch unter baraminologischen Kriterien als verwandt anzusehen waren.
Weitere Analysen der morphologischen Merkmale im selben Artikel zeigten außerdem, dass die Coelurosaurier sich in die übrigen Theropoden einfügten und diese sich wiederum in eine große Gruppe, die neben den Großteil der bekannten Dinosaurier auch alle bekannten basalen Dinosaurier umfasst.

Phil Senter konnte also zeigen, dass selbst, wenn man der inneren Logik der Kreationisten folgt, Vögel Dinosaurier sind und kein unabhängig erschaffener Grundtyp.
Außerdem konnte er so eindrucksvoll demonstrieren, wie neu gefundene Fossilien unser Verständnis von stammesgeschichtlichen Beziehungen nach und nach vertiefen.

Quellen

SENTER, P. (2010). Using creation science to demonstrate evolution: application of a creationist method for visualizing gaps in the fossil record to a phylogenetic study of coelurosaurian dinosaurs, Journal of Evolutionary Biology, 23 (8) 1743. DOI: 10.1111/j.1420-9101.2010.02039.x

SENTER, P. (2011). Using creation science to demonstrate evolution 2: morphological continuity within Dinosauria, Journal of Evolutionary Biology, 24 (10) 2216. DOI: 10.1111/j.1420-9101.2011.02349.x

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kreationismus

Eine Antwort zu “Kreationisten mit den eigenen Waffen schlagen: Baraminologische Methoden bestätigen Vögel als Unterklade der Dinosaurier

  1. Es liest sich so, als seien diese „Baraminologische Methoden“ eine Art veraltete systematische Methode: Die Phänetik.
    Phänetiker waren (teils auch heute noch) der Ansicht, dass man nicht entscheiden könne, welches nun abgeleitete und welches ursprüngliche Merkmale seien – deshalb schufen sie eine Systematik nach totaler Merkmalsübereinstimmung (alle Merkmale werden berücksichtigt). Dabei weiss man seit Hennig (Vater der Kladistik), dass nur abgeleitete Merkmale relevant sind – und mittels geeignetem Outgroup-rooting ist auch die Frage nach der Richtung der Evolution (was ist abgeleitet, was ursprünglich?) meist leicht zu bestimmen.
    Wo sich die Phänetiker aber immerhin gewaltig angestrengt haben, war der umfassende Anspruch an den Merkmalskatalog und die damit sehr aufwändig werdenden Berechnung der Ähnlichkeitsmatrizen… da sind die „Baraminologen“ mit (hier) 392 Merkmalen doch eben erst gerade in vergleichbare Dimensionen vorgestossen – und die Auswahl wird wohl auch alles andere als ohne Bias sein.

    Ist aber eine sehr schöne Geschichte! Echt peinlich, wenn sogar die eigene Methode die vertretene Ideologie nicht bestätigen kann…

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